Humboldt-Kolleg

Deutsche Geheimgesellschaften

Organisiert von Jost Hermand und Sabine Mödersheim
University of Wisconsin Madison

Madison, 30. 3. - 1. 4. 2012


Abbildung mit freundlicher Genehmigung der University of Wisconsin Libraries - Special Collections:
Geheime Figuren der Rosenkreuzer, aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert: aus einem alten Mscpt.
Zum erstenmal ans Licht gestellt.Hamburg, 1785.

Geheimgesellschaften stehen hoch im Kurs, sei es in der zeitgenössichen Kunst - die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main zeigte im Sommer 2011 eine Sonderausstellung zum Thema - oder in der populären Kultur, von Dan Browns Bestsellern und ihren Verfilmungen bis zum Kinderbuch und der Serie von "Harry Potter"-Verfilmungen. Das Geheime, Verborgene, für Uneingeweihte Unverständliche fasziniert, gerade durch den Ausschluss Uneingeweihter. Rätselhafte Riten, geheimes Wissen, Exklusivität der Mitgliedschaft, merkwürdige Bruderschaften, die möglicherweise Böses im Schilde führen, Komplotte und den Umsturz der herrschenden Gesellsschafts- und Machtverhältnisse planen, lösen Interesse und Ängste aus.
So begann es auch mit den frühen Texten der Rosenkreuzerbewegung, angefangen mit der "Fama Fraternitatis" von 1614, einem anonymen Traktat, der die "Allgemeine und General Reformation der ganzen weiten Welt" kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs versprach und eine Flut von Reaktionen auslöste, oder dem hermetischen Text "Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz von 1459". Zahlreiche Geheimbünde, die in den folgenden Jahrhunderten und bis in die Gegenwart gebildet wurden, berufen sich auf diese frühen programmatischen Schriften und das Vorbild der dort beschriebenen geheimen Brüderschaft.

Ausgrenzung, bewusste Ausschließung Uneingeweihter aus konspirativen oder exklusiven Gruppen, Geheimhalten von privilegiertem Wissen, provozieren in denen, die davon ferngehalten werden, den Wunsch nach Initiation, Zugehörigkeit zum Kreis der Eingeweihten und Privilegierten. Das Unverstandene, Rätselhafte, Magische, das die so gekennzeichneten Gruppen umgibt, wird mit einer geheimen, unverstandenen, unerreichten und oft genug unerreichbaren Bedeutung behaftet, die umso wichtiger wird, je weniger man von den geheimen Gruppen weiß oder erfährt. Das Paradox liegt in der unauflösbaren Dichotomie von Andeutung, unvollständiger Preisgabe und Geheimhaltung. Geheimgesellschaften, von denen wir als Uneingeweihte und Nicht-Teilnehmer wissen, haben gerade so viel von ihren Ritualen nach Außen hin preisgegeben, dass Außenstehende um ihre Existenz wissen, aber nicht mehr. Die perfekte Geheimgesellschaft ist naturgemäss die, um deren Existenz außer ihren Mitgliedern keiner weiss. Die Geheimhaltung von privilegiertem Wissen ist nur durch absolute Loyalität der Mitglieder und oft durch Androhung von Sanktionen und Exkommunizierung bis hin zum Ausschluss gewährleistet. Gerade Gruppen, die im Widerstand unter repressiven Machtsystemen operieren, sind auf komplette Geheimhaltung angewiesen, müssen sich aber doch immer wieder, unter der Gefahr der Entdeckung und Verfolgung, neuen Mitgliedern öffnen, wenn sie längerfristig operieren wollen oder ihren Einflussbereich erweitern wollen. Geheimhaltung ist der Schutz, der politische Gruppen, z.B. in der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus oder in frühen Organisationen der frühen Arbeiterbewegung, vor dem Zugriff des herrschenden Regimes bewahrt, kann aber andererseits auch der Nährboden sein, auf dem sich subversive Gruppen z. B. im Präfaschismus organisieren konnten.

Unsere Tagung nimmt sich vor, die Geschichte verschiedener Geheimgesellschaften in ihrem sozialen, religiösen, wissenschaftsgeschichtlichen sowie literarischen und artistischen Kontext zu verorten und zu beleuchten. Angefangen mit den Templern, den Rosenkreuzern und der Rezeption anonymer hermetischer Traktate der frühen Neuzeit über die Freimaurer und Illuminaten der Aufklärungszeit, die geheimen politischen Bünde des 19. Jahrhunderts z. B. in der frühen Arbeiterbewegung, bis zu präfaschistischen Geheimbünden einerseits und geheimen Widerstandbewegungen gegen das NS-Regime andererseits reicht das Spektrum der vorgeschlagenen Beiträge. Untersuchungen literarischer Geheimbünde wie des Bunds "Geheimes Deutschland" des Georgekreises und der literarischen Verarbeitung von Konspirationstheorien in der Gegenwartsliteratur runden das Bild ab.


Tagunsgprogramm

Freitag, 30. März

9-9:30 Begrüßung

9:30-12 Frühe Neuzeit
Wilhelm Voßkamp (Universität Köln):
"Utopie und Geheimnis: von 'Salomon's House' bis zur 'Turmgesellschaft'"

Efthymia Priki (University of Cyprus):
"Hypnerotomachia Poliphili and the Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz: Influences, Parallels, Reception"

2:30-5 Aufklärung

Rainer Godel (Universität Halle):
"'Ob übrigens das, was ich aus diesen Blättern destilliret habe, ächtes Gold sey, wird sich zeigen". Wielands Replik auf Ernst Anton von Goechhausens Kampf gegen die Illuminaten".

Jan Assmann (Universität Konstanz):
"Das alte Ägypten und die Illuminaten"


Samstag, 31. März

9:30-12 Geheimgesellschaften und Arbeiterbewegung

Carol Poore (Brown University):
"Ein Gespenst geht um in Europa: Secret Societies and the Beginnings of the German Workers' Movement"

Sabine Mödersheim (University of Wisconsin-Madison):
"Propaganda vs.Geheimhaltung: Laterna Magica-Projektionen der Freimauer"

2:30-6 George-Kreis und Präfaschismus

Robert Norton (University of Notre Dame):
"Secret Germany. Stefan George and his Circle"

Jost Hermand (University of Wisconsin-Madison):
"Vom Werfenstein zur Wewelsburg. Arioheroische Geheimbünde"

Sonntag, 1. April

9:30 - 10 Humboldt Foundation Scholarships

10- 12 Faschismus und Nachkriegszeit
Corina Petrescu (University of Mississippi):
"Die Schulze-Boysen/ Harnack Organisation: Widerstand im Dritten Reich"

Henning Wrage (Humboldt Universität Berlin/ Haverford):
"Vom popish plot zum Lot 49. Über Geheimbünde als Projektionsflächen und Verschwörungstheorien als Sinnvehikel"

Schlussdiskussion

Co-sponsored by the Department of German, the Center for German and European Studies, and the Center for Early Modern Studies

Humboldt Kollegs

Humboldt Kollegs are conferences organized by alumni of the Alexander von Humboldt Foundation. Their aims are to strengthen regional and professional networking between its alumni as well as to spark junior researchers' interest in Alexander von Humboldt Foundation programmes and in Germany as a research location.

The Alexander von Humboldt Foundation

The Alexander von Humboldt Foundation annually enables more than 1,900 researchers from all over the world to spend time researching in Germany. The Foundation maintains a network of some 23,000 Humboldtians from all disciplines in 130 countries worldwide - including 41 Nobel Prize winners.

For over fifty years, the Humboldt Foundation has sponsored outstanding academics who have come to Germany from abroad and thus contributed to the internationalisation of science and to cultural exchange. Largely financed by the Federal Foreign Ministry and the Federal Ministry for Education and Research, the Humboldt Foundation is politically unaffiliated and sponsors academics of all nationalities. "The dual criteria of keeping politics at bay and of independence are the basis of the Humboldt Foundation's success and have accrued capital in trust for Germany that cannot be expressed in monetary terms", the President of the Humboldt Foundation, Professor Wolfgang Frühwald, emphasizes.

Global excellence is also a phrase to describe the present Humboldt Foundation's two predecessor organisations: the Alexander von Humboldt Foundation for Natural Science and Travel, set-up in 1860, and the Alexander von Humboldt Foundation which was established after the inflation in 1925 and dissolved at the end of the National Socialist reign of terror. The book describes how the Foundation was re-instituted in 1953, then the years of conflict in the Sixties and Seventies, the period of reunification, and the expansion of the Foundation's work after the fall of the Iron Curtain in Europe. Consequently, it is also an exemplary case study for half a century of foreign cultural and educational policy.

For more information about the Alexander von Humboldt Foundation:
http://www.humboldt-foundation.de/

For a history of the AVH see:
Christian Jansen, Christoph Nensa, Global Excellence. The Alexander von Humboldt Foundation between the Promotion of Science and Foreign Cultural Policy (1953-2003), Cologne: DuMont, 2004.