1950. 1960. Kulturen im Wiederaufbau

Humboldtkolleg zu Ehren von Jost Hermand
an der University of Wisconsin-Madison
19.-21. November 2010

organisiert von

Henning Wrage, Sabine Mödersheim und Marc Silberman

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Zwei deutsche Staaten an der Grenze konkurrierender Weltsysteme, im erbitterten politischen und kulturellen Wettstreit, deren Identitätsbildung, die Konstruktion ihrer Selbst- und Feindbilder, nachgerade spiegelbildlich funktioniert – dieses Bild hat die „langen 50er Jahre“ (Alexander von Plato) in der kulturwissenschaftlichen Forschung über Jahrzehnte bestimmt.


Den Diskurs dominierten zutiefst gegensätzliche politische Selbstentwürfe: Auf der westlichen Seite, in der Bundesrepublik, die fortgesetzte Herrschaft der „alten Männer“, in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft: einer Elite, die noch im Kaiserreich sozialisiert worden war, nach dem Krieg das Steuer übernahm und erst in den sechziger Jahren abgelöst wurde, eine Epoche der „Restauration“ (Eugen Kogon) mit explizit antikommunistischer als anti-totalitaristischer Legitimationspolitik. Auf der östlichen Seite, in der DDR, eine Selbstkonstruktion über das Modell des „antifaschistischen Gründungsmythos“ (Antonia Grunenberg) – die gesellschaftliche Legitimation über einen explizit antikapitalistischen als antifaschistischen Diskurs.


Verschiedener, so scheint es, hätten die deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichten kaum verlaufen können. Die massive politische Polarisierung durch den Kalten Krieg darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeit zwischen Kriegsende und den frühen 1960er Jahren, eine Periode des „Nicht-mehr und Noch-nicht“ (Lorenz Engell, Joseph Vogl) in beiden deutschen Staaten, bemerkenswerte Parallelen ausweist. Beide mussten die Herausforderung eines ungeheuren gesellschaftlichen Wandels meistern, den der Übergang vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit bedeutete, beide sahen sich einem massiven demographischen Wandel durch die Kriegsheimkehrer und die Vertriebenen gegenüber, den Fragen nach dem Umgang mit den Opfern, den Exilanten und der eigenen Schuld ebenso wie der narzisstischen Kränkung durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

Schließlich waren die deutschen Staaten durch ein medienhistorisches Schwellenereignis aufeinander bezogen: die Einführung und Durchsetzung des Fernsehens als – jede Grenzbefestigung überschreitendes – Alltagsmedium. Das Fernsehen wird nicht nur zum Ausgangspunkt einer erhitzten Debatte um Möglichkeiten, Reichweite und nicht zuletzt die vermuteten Schadwirkungen des neuen Mediums – es verändert im Lauf der 1950er Jahre in beiden deutschen Staaten die Stilmittel, die Zielgruppenorientierung und, vielleicht am grundsätzlichsten, die Narrative, die Art und Weise, wie die nunmehr alten Medien Literatur, Film und Radio erzählten.


Wenn wir diese Konferenz Jost Hermand, Emeritus an der University of Wisconsin-Madison, der 2010 seinen 80. Geburtstag feiert, widmen, dann auch seiner wegweisenden Geschichte der „Kultur im Wiederaufbau“, die, gemeinsam mit den Büchern von Hans-Peter Schwarz, einen Umbruch in der Geschichte der Erforschung der bundesdeutschen Nachkriegskultur eingeleitet hat. Spätestens seit den neunziger Jahren existieren Forschungsergebnisse zur Kulturgeschichte der DDR der 1950er Jahre, die der zur Bundesrepublik, gerade in Bezug auf Fragen nach Schuld, Erinnerung und den Inszenierungsformen von Autorität in nichts nachstehen.


Unsere Konferenz versucht gegenwärtige Forschungsbemühungen zur deutschen Nachkriegszeit diesseits und jenseits des Atlantiks zu bündeln. Sie diskutiert kulturelle, historische, politische und mediengeschichtliche Befunde von der Konservatismusforschung bis zur Gedächtnispolitik, von filmgeschichtlichen Traditionen und ihren Rekodierungen bis zu strukturell äquivalenten Diskursen von medialer Einflussangst angesichts der Einführung des Fernsehens, von der gleichzeitigen Restatuierung autoritärer Führungsgestalten in der Politik bis hin zu den kulturellen Konstruktionen von „Heimat“, „Heimkehr“ und „Vertreibung“ in den beiden deutschen Staaten. Dabei wird zu fragen sein, ob nicht jenseits des offenbaren politischen Gegeneinanders die deutschen Nachkriegsgeschichten in vielen Aspekten strukturelle Gemeinsamkeiten teilen.


Die Fragen nach deutsch-deutschen Kontinuitäten ebenso wie der kontrastiven Inszenierung von Differenzen werden uns in fünf Panels beschäftigen:

1. Der Klang der 50er Jahre

2. Schreiben im Wiederaufbau

3. Nachkriegsbilder

4. Populäre Kultur

5. Debatten 1950.2000

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Christian Jansen, Christoph Nensa, Global Excellence. The Alexander von Humboldt Foundation between the Promotion of Science and Foreign Cultural Policy (1953-2003), Cologne: DuMont, 2004.