940: Introduction to Literary Scholarship, 3 cr.
meets with German 947
Gross, M 3:30-6:00
In diesem Seminar beschäftigen wir uns mit der Darstellung von Wissen und Bewusstsein und den entsprechenden Erzählformen in Prosatexten des 20. und 21. Jahrhunderts. Nach Rückgriffen auf die Vor- und Zwischenkriegsliteratur (Horváth, außerdem Kurztexte von Sudermann, Kafka, Robert Walser und Tucholsky) stehen AutorInnen nach 1950 im Zentrum (Kurztexte von Siegfried Lenz, Adolf Muschg, Barbara Frischmuth, Herta Müller, Jan Peter Bremer, Katrin Passig). Behandelt werden einige “Klassiker” des 20. Jahrhunderts (Oskar Matzerath in der Blechtrommel – Zeitzeuge, Irrenanstalts-Insasse, pikaresker Erzähler par excellence) ist die wohl berühmteste Erzählerfigur der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur –, aber der Kurs soll den TeilnehmerInnen auch Gelegenheit geben, weniger bekannte oder zu Unrecht vernachlässigte Schriftsteller und Texte zu entdecken. Das Seminar bietet zugleich eine Ein- oder Weiterführung im Bereich der Erzählanalyse.
Die Auswahl der Primärtexte verbindet Herausforderung mit Vergnügen und erlaubt uns in der gemeinsamen Arbeit eine Reihe von Schwerpunkten – thematisch beispielsweise Darstellung des 3. Reichs, Nachkriegs- und Nachwende-Deutschland, Österreich, Familien- und Beziehungspathologien. Erzähltechnisch werden wir uns besonders mit folgenden Aspekten befassen:
- Charakterisierung von Erzählstimmen und -positionen, Erzählen als Konstruktionsprinzip und Filter
- Ich-Erzähler und Erzählen in der 3. Person
- Verwendungsformen von direkter und indirekter Rede als Stilprinzip
- “doppelbödige” oder “entstellende” Erzähltechniken – Rolle von Figurenperspektive und Bewusstseinsdarstellung für solche Formen der Mehrschichtigkeit
- Subjektivität in der Wahrnehmung und Darstellung, sprachlich-stilistische Modellierung von Erzählhaltungen
- auffällige Erzählerfiguren, Zuverlässigkeit und Unzuverlässigkeit, pikareske Erzähltradition
In der Kombination von 940/947 dient das Seminar nicht zuletzt dazu, einen produktiven intellektuellen Dialog zwischen beginnenden und fortgeschrittenen StudentInnen zu ermöglichen. Über die Einzelanalysen hinaus werden wir kontinuierlich auch Grundfragen und -prinzipien der Literaturwissenschaft im Blick behalten und diskutieren. Die “praktische” Einführung in die literaturwissenschaftliche Arbeit erfolgt (für Anfängersowie alle interessierten TeilnehmerInnen) in zwei Zusatz/Doppelsitzungen.
Das Lesepensum ist reichlich, aber ohne Schwieriegkeiten bewältigbar: Wir werden im Wechsel Romane und Kurztexte lesen. Mehrere der unten angegebenen Titel sind Erzählungen oder Kurzromane (Horváth, Delius, Brussig; Vanderbeke); der einzige Roman von „Überlänge“ ist die Blechtrommel (Vorschlag: fangen Sie mit der Lektüre im Sommer an!).
Jeder/r Teilnehmer/in hält ein Referat über einen ausgewählten Text und schreibt eine 12-20seitige Seminararbeit, die in mehreren Arbeitsstufen mit jeweiligem feedback entsteht: kommentierte Bibliografie, erste Gliederung/outline, Rohversion, Endfassung.
Es wird einen Kurs-Reader mit ausgewählter Kurzprosa sowie Sekundärtexten zu Erzählerrolle und Erzählstrategien (Weinrich, Cohn, Rimmon-Kenan, Fludernik u.a.) geben. Außerdem lesen und diskutieren wir die folgenden Texte:
- Ödon von Horváth, Ein Kind unserer Zeit (1938)
- Günter Grass, Die Blechtrommel (1959)
- Jurek Becker, Jakob der Lügner (1969)
- Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin (1983)
- Thomas Bernhard, Alte Meister (1985)
- Lilian Faschinger, Die neue Scheherazade (1986)
- Friedrich Christian Delius, Die Birnen von Ribbeck (1991)
- Thomas Brussig, Leben bis Männer (2001)
- Birgit Vanderbeke, Geld oder Leben (2003)
Die Texte werden im University Bookstore bestellt – angesichts des Preisaufschlags bei Importen empfiehlt es sich allerdings, die Bücher bei online-Anbietern oder direkt aus Deutschland zu beziehen.

