Grüne Sau auf blauem Teppich
By Robin Detje
© Süddeutsche Zeitung
(FEUILLETON Montag, 7. Februar 2000)
Grune Sau auf blauem Teppich
Die uraufführung von "Das Ende der Paarung" von Franz Xaver Kroetz:
Claus Peymann zerschnarcht das Berliner Ensemble
Manchmal, sagt Majestix, Häuptling der Gallier (und zwar immer wenn er von seinem Häuptlingsschild rutscht), fühle ich mich nur noch müde, aber so richtig. und trommelt mit den Fingern aufs gallische Gras. Manchmal rutscht man nach einer Premiere aus einem Hauptstadttheater direkt in den märkischen Sand an der Spree und fuhlt sich genauso. Vorher hat man vielleicht Theaterhäuptlinge von ihren Schilden rutschen sehen und dabei rufen hören: Ihr Abrutschen in die totale Mudigkeit sei ein Schlag in die Fresse der Berliner Republik! Oder so ähnlich. Dann aber endlich schlafen. Endlich schnarchen ohne Gnade.
Claus Peymann war da, der heiß Erwartete! Claus Peymann hatte das Berliner Ensemble mit Pomp eröffnet, um es dann mit seiner ersten eigenen Inszenierung mit Pomp gleich noch einmal zu eröffnen, noch pompöser, noch offener, auf dass es am Ende gleichsam am eröffnetsten wäre von allen Theatern der Stadt. Eine Kroetz-urauffuhrung sollte es geben. Einen Kraftlackel hat Thomas Bernhard den Regisseur Peymann einmal genannt. Ein Kraftlackel ist der Dichter Kroetz schon lange, und sicherheitshalber hat Kroetz dem Peymann in einem Brief noch einmal versichert, “ein Haudegen wie ich auch" zu sein. Deshalb war Peymann naturgemäß “des Autors K. erste Wahl" fur dieses Stück, im Programmheft steht es nachzulesen. Heißa, ein großes Kraftlackel-Fest würde das also werden, haut den Lukas, hurra!
Berlin hätte das gut getan. Auf der Volksbühnen-Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz hatte Frank Castorf gerade offen mit seiner Sehnsucht gespielt, alle rauszuschmeißen und mit den Subventions-Millionen des Hauses ins Ausland durchzugehen - man hat noch immer einen Kater davon. An der Schaubuhne am Lehniner Platz scheint ein Kontingent sehr fotogener junger Menschen ein Schreckensregiment der Selbstergriffenheit installieren zu wollen, das aber kernig und ernst. Da müssen doch einmal zwei dazwischen hauen mit der Kraft saftiger Reife, idealerweise zwei Lackel wie K. und P. Als sie es aber getan hatten, da brach ein Schnarchen los und verbreitete sich uber die ganze Stadt, da schnarchten auch die Pferde im Stall und die Fliegen an der Wand, und das BE kann man fur hundert Jahre wieder schließen. Franz Xaver Kroetz ist der Dramatiker der Körpersäfte. Er zeigt die Menschen sprachlos vor ihren eigenen Ausflüssen, und wenn sie zwischen Ekel und Geilheit nicht mehr ein noch aus wissen, erbarmt Kroetz sich ihrer und schenkt ihnen in ihrer ganzen Verzweiflung ein zweites Leben als kleingroße Theaterfiguren. “Der Drang" hieß logischerweise sein 1994 uraufgeführtes Stuck, das unter seinem Schaffen genialisch bayrisch-volksstückhaft die Summe zieht. Der neue Dreiakter heißt “Das Ende der Paarung" und erzählt auf Hochdeutsch von der Austrocknung der Körpersäfte und den damit verbundenen Schrecken, die hier gleich zum Tode fuhren. Das Werk stammt aus dem Jahr 1996, und nachdem die Regisseure Dieter Dorn und Franz Xaver Kroetz es abgelehnt hatten, wurde Claus Peymann als dritte Wahl zur ersten Wahl des Autors.
Erzählt wird vom letzten Tag des Grünen-Politiker-Paares Petra Kelly und Gert Bastian, bis Bastian erst Kelly und dann sich selbst erschießt. So ist es im Oktober 1992 in einem Bonner Reihenhaus wirklich geschehen, ein großer Trauerfall der bundesrepublikanischen Linken (Alice Schwarzer hat schon ein Buch darüber geschrieben). Bis der Tag mit zwei Schusswunden endet, geht es bei Kroetz um Inkontinenz und Klimakterium, “Verkummern der Schleimhäute" und nachlassende Körperfeuchte, in weit drastischeren Worten als diesen. In den beiden Figuren führt der natürliche Verfall zu kreischender Panik und immer wieder auch zu Momenten rührender Hilflosigkeit im Glanze Kroetzschen Erbarmens. “Starr, liebenswert, blöd" lässt der Dichter seine armen Menschen sprechen, “verzweifelt", “kindlich" oder “ruhig". Wir werden nicht verführt, an ihrem Leiden teilzunehmen, sondern einfach mit ihnen eingesperrt. “Ich halte das nicht mehr aus", sagt “Sibylle", wie Petra Kelly hier heißt. Da ist das Stück fast vorbei, aber man hat es von Anfang an nicht ausgehalten. Am Schluss dann Schuss und aus.
Wenn man das spielen will (kein großes Stück, aber doch ein ganzer Kroetz), darf man nur eines nicht: sich genieren. Man muss das Publikum mit den beiden traurigen Gestalten einsperren, bis es selber kreischen und zur Waffe greifen möchte; man muss jeden schrillen Ton verstärken, bis es kracht. Deshalb ist es gut, dass Karl-Ernst Herrmanns Buhnenbild in den Zuschauerraum zu kippen scheint, als wollte es sich ins Parkett sturzen. Schlecht ist dagegen, dass es einen falsch-goldenen Kunstrahmen hat, allen Reihenhaus-Muff verweigert und dafur in zwei von drei Akten ein lachsrosa-lindgrunes Satin- und Tull-Schlafzimmer in den Mittelpunkt stellt, eher Hollywood der vierziger Jahre als Jute-statt-Plastik-Ikea. Wenn “Bert" (wie Gert Bastian hier heißt) seine Sibylle eine “grüne Sau" nennt, liegt sie auf einem schön blau beleuchteten Teppich, was sich farblich fein einfügt in das dekorative Ambiente.
Auf dieser Bühne spielen zwei Schauspieler, die man oft schon mit Lust gesehen hat, so grausam aneinander vorbei, wie man es kaum je sah. Therese Affolter gibt sich manch geschickte Blöße und hätte am Premierenabend eine Chance gehabt, ihre Figur in einen höheren Energiezustand hineinzuzittern. und stieß immer nur auf den kalten Klotz jenes Bert, den Traugott Buhre ihr in den Weg stellte, stur und sonor seine Schauspielerpflicht erfüllend. In der Haltung, mit der Buhre den Bert gab, könnte man in feines Tuch gewandet eine BE-Premiere besuchen oder im ZDF Spendernamen verschweigen; der Schauspieler wirkte wie ein Altbundespräsident auf Anstandsbesuch bei seiner Figur. Ein echter, silberhaariger Altbundespräsident saß im Parkett, ein Herr, den niemand wurde erschrecken wollen. und niemand tat es.
Jedes Mal, wenn die Schauspieler hätten miteinander spielen können, würgt ihr Regisseur sie ab. “Starre" steht immer wieder bei Kroetz, und Peymann hat sich entschlossen, das nicht psychologisch, sondern ganz technisch zu verstehen: Bei jeder “Starre" hält er die Inszenierung an und friert die Schauspieler ein. Achtmal tickt es dann vom Band, und danach mussen Therese Affolter und Traugott Buhre alle Spannung wieder vom Fußboden aufsammeln und ganz neu anfangen. Was nicht gelingen kann - sie sind verloren, verraten und verkauft von einem Regisseur, der uberbrav dem Text zu folgen sich entschlossen hat, um dessen wildem Geist nicht begegnen zu mussen. Kurz, das Stuck, das bei Kroetz gleich losrast und erst aus ist, wenn es knallt, fängt bei Peymann erst gar nicht, dann immer noch nicht, und am Ende uberhaupt nie an. Bis es nach drei Stunden knallt und man zu den Mänteln darf.
Und Kroetz? Hat fürs Programmheft auf Teneriffa einen Text geschrieben, in dem steht, wie schön dumm das schöne Leben macht; “hihihi" lautet der Refrain. In einem Interview hat er erklärt, ganz gerne mal mit Jörg Haider ein Bier trinken zu wollen; eine tolle Idee, wenn man ganz lebensdumm geworden ist. Was zählen schon Inhalte im Öffentlichkeitsgewerbe. Mach uns den Handke, Franzl, und finde rasch auch fur Milosevic noch ein liebes Wort! Falls es dann doch mal wieder ernst werden sollte, hihihi, hören wir auch gerne zu. So lange aber bleiben wir in unserem Peymann-induzierten Schutzschlaf. Schnarch schnarch schnarch.
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