SZ vom 22.12.2000 / Feuilleton
Himmel und Hölle der Bildungsbürger: Jean Genet und Bertolt Brecht werden in die berühmte Pléiade aufgenommen
Als 1931 vom Pariser Verlag Gallimard die Klassiker-Reihe der Pléiade gegründet wurde, war klar, dass nur die Besten und nur die Toten Einlass finden würden. Und wem man die Ehre gewährte, in der Pléiade aufgenommen zu werden, der wusste im Himmel oder in der Hölle, egal , dass sein Werk gut aufgehoben war in den Lederbänden, auf den Dünndruck und wohl kommentiert, also in einer kritischen Ausgabe. Und auch die Käufer, denen der Spaß an diesen Bänden mit feiner Goldprägung viel Geld wert war und ist, nämlich zwischen hundert und hundertfünfzig Mark, sie konnten sich darauf verlassen, dass sie einen Klassiker erstanden hatten. Alt, gut. teuer, dick. So etwas musste klasse sein und Klasse haben.
Für Autoren war und ist die Aufnahme in diese Reihe eine der größten Ehren. Als erste fanden Einlass: Baudelaire, Poe und Voltaire. Es folgten: Stendhal und Cervantes. Jean-Paul Sartre lehnte zwar den Nobelpreis ab, aber gegen seine Aufnahme in die Pléiade hatte er keine Einwände. Wer als Lebender einziehen durfte was Sartre nicht ganz schaffte konnte besonders stolz sein: Julien Green gelang dieser Coup und Nathalie Sarraute, die übrigens auch die erste Frau war, die in die Académie Francaise gewählt wurde. Manchmal mussten die Lektoren auch harsche Kritik einstecken, zum Beispiel als sie 1998 Marcel Aymé, von nicht eben wenigen Lesern als Sonntagsdichter verunglimpft, den Zugang in das Pantheon erlaubten.
Deutschsprachige Autoren sind nicht eben üppig vertreten in der Pléiade: Marx wurden vier Bände zugestanden, Kafka und Kant je drei, Rilke zwei und ebenso viele oder ebenso wenige Goethe, von dem ein Theaterband erschien und ein weiterer mit den Wahlverwandtschaften, dem Werther und Wilhelm Meister. Dazu Hölderlin. Im Dezember wurde nun (endlich) auch Bertolt Brecht mit einem Band, immerhin, geehrt. Drei weitere sollen noch folgen. Und seinen Auftritt hat Brecht mit dem Schwierigsten und dem Besten, was er überhaupt verfasst hat, den Essays und Aufsätzen zum Theater.
Dieser Akt beweist Weltoffenheit wie die Dickens-Ausgabe oder die Aufnahme von Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Turgenjew, Hemingway, Joyce und Faulkner. Auch vor Außenseitern fürchten sich die Herausgeber schon lange nicht mehr. André Gide und Sartre, zwei die es ihren Landsleuten nicht immer leicht machten, sie zu verstehen und zu mögen, haben längst ihren Platz in der Pléiade gefunden. Und nun steht gar jemand auf dem Programm des kommenden Jahres, der ausdrücklich und öffentlich sich bekannte als einer, der sein Land hasst, den Verrat und den Mord liebt. Ein Homosexueller, ein Dieb und ein Genie: Jean Genet. Er soll bereits im März mit einem Band in der Pléiade vertreten sein. Saint Genet, comédien et martyr, wie Sartre seinen sechshundertseitigen Essay nannte, in den Klassiker-Himmel erhoben. Sartres Text war ein Vorwort und wurde zum Ärger Genets der erstes Band seiner Werkausgabe. Diesen faux pas wird man bei Gallimard nicht wiederholen.
Brecht und Genet 2001 neben Chateaubriand, Tacitus, Homer und Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde. Freude!
C. BERND SUCHER
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